Corona und die Folgen für die Möbelbranche: Stimmen aus Industrie und Handel

By 20. August, 2020 No Comments
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Fabrikationshalle Thut Möbel im zürcherischen Buchs. Foto: © Thut Möbel AG

Am 11. Mai durfte der Schweizer Detailhandel nach zweimonatigem Lockdown seine Türen wieder öffnen. Wir haben bei Möbelherstellern und -händlern nachgefragt, wie es ihnen in dieser Ausnahmesituation erging. Über Herausforderungen aber auch Chancen, die sich durch die Coronakrise ergeben haben, sprechen die Möbelmanufaktur Thut Möbel, Entwickler für Sitzmöbellösungen Dietiker und Detailhändler Livique.

Macht sich im Büro sowie im Homeoffice gut: Werkzeug-Schrank von Thut Möbel. Foto: © Thut Möbel AG

Jürg Scheidegger, Vertrieb und Marketing Thut Möbel AG

1. Wie hat sich die Corona-Krise auf Ihr Unternehmen ausgewirkt?

Bis jetzt weniger gravierend als wir erwartet haben. Während des Lockdowns und der geschlossenen Läden unserer Fachhändler war der Umsatzrückgang deutlich, hat sich aber danach wieder erholt. Der fehlende Umsatz wird aber 2020 nicht mehr eingeholt.

2. Worin lag die grösste Herausforderung?

In der Organisation der Kurzarbeit und der Einsatzplanung in der Produktion. Nicht zu unterschätzen waren die Umsetzung der Hygienevorschriften und die damit verbundene Unité de doctrine innerhalb der Firma.

3. Haben sich durch die Ausnahmesituation neue Projekte oder Chancen ergeben?

Unser bestehender online-shop designobjekt.ch, den wir mit sechs weiteren Herstellern und unseren Fachhändlern betreiben, erfuhr einen kleinen Umsatzschub und gleichzeitig wurden Ressourcen frei, die uns technische Neuerungen schneller umsetzen liessen. So können unsere Fachhändler den Shop nun auf ihrer Website integrieren.

4. Welche Trends beobachten Sie aktuell auf dem Möbel- und Einrichtungsmarkt? 

Nach einem kurzen Nachholbedarf nach dem Lockdown gibt es nun berechtigte Anzeichen, dass das Wohnen an Stellenwert gewinnen wird. Der bereits bekannte Trend des cocooning wird wieder wichtiger. Auch werden Homeoffice Arbeitsplätze wichtiger und dies wird sich in der Nachfrage nach entsprechenden Möbeln niederschlagen. Auch die Nachfrage nach Produkten von inländischen Herstellern könnte sich verstärken.

Unternehmenssitz Dietiker AG in Stein am Rhein. Foto: © Dietiker AG

Thomas Kummer, CEO Dietiker AG

1. Wie hat sich die Corona-Krise auf Ihr Unternehmen ausgewirkt?

Wir haben relativ schnell ein Abflachen der Aktivitäten im Markt erfahren müssen. Es war für unser Aussendienstteam schwierig externe Termine zu realisieren. Diese Phase hält in einigen Regionen immer noch teilweise an. In der Folge verspürten wir natürlich auch einen Rückgang des Auftragseinganges, mit der Folge, dass wir Kurzarbeit anmelden mussten und derzeit, auch wenn auf rückläufigem Niveau, immer noch so verfahren.  

2. Worin lag die grösste Herausforderung?

Wir haben sofort versucht die innerbetrieblichen Kontakte zu minimieren und die Abstandsregeln einzuhalten. Die Aufklärung unserer Mitarbeiter haben wir sehr intensiv durchgeführt. In der Produktion haben wir Arbeitsschichten geteilt und Kollegen mit Covid-Symptomen sofort in Quarantäne geschickt. Wir sind sehr froh, dass wir bis heute noch keinen positiven Covid-Fall verzeichnen mussten. Auch die teilweise recht lange unterbrochenen Lieferketten haben eine Zeit lang zu Problemen im Auftragserfüllungsprozess geführt. 

3. Haben sich durch die Ausnahmesituation neue Projekte oder Chancen ergeben?

Wir haben seit März unsere Entwicklungsprojekte deutlich forciert und erfolgreich versucht, durch einige Sonderaktionen den Auftragseingang zu beleben. Natürlich haben wir auch unser Kostenmanagement intensiviert, um dem rückläufigen Umsatz entgegenzuwirken. Mit neuen Produkten können wir dann «das Arbeitsleben nach Covid» sehr gut aufgestellt wieder aufnehmen.

Sehr positiv haben wir empfunden, wie unsere Mitarbeiter mit dieser Ausnahmesituation umgegangen sind. Für all unsere Massnahmen wird immer noch grosses Verständnis aufgebracht, die gegenseitige Unterstützung in allen Bereichen ist aller Ehren wert.     

Aktuell: Die Felber Outdoor-Linie von Dietiker AG. Foto: © Dietiker AG

4. Welche Trends beobachten Sie aktuell auf dem Möbel- und Einrichtungsmarkt? 

Wir verspüren immer noch eine deutliche Zurückhaltung insbesondere im Projektgeschäft. Bereits angearbeitete Objekte sind «on hold». Wir gehen daher davon aus, dass in 2021, sofern sich die Situation beruhigt, ein gewisser Nachholbedarf entstehen wird.

Tendenziell gehen wir auch davon aus, dass sich der Markt teilweise in billigere Produktsegmente verändert. Durch Konkurrenzprodukte aus dem europäischen Ausland wird sich diese Situation künftig eher noch verschlechtern.  

Das Zuhause verschönern: Einblick in das Sortiment von Livique. Foto: © Livique

Oliver Roth, CEO Livique

1. Wie hat sich die Corona-Krise auf Ihr Unternehmen ausgewirkt?

Zweimonatiger Lockdown, bei dem alle Livique- und Lumimart-Filialen geschlossen waren. Seit der Wiedereröffnung gibt es kantonale Einschränkungen wie die Maskentragepflicht.

2. Worin lag die grösste Herausforderung?

Unsere Kunden trotz des Lockdowns weiter zu beraten und die Kundenaufträge unter Einhaltung der Schutzmassnahmen zu liefern. Zudem mussten wir neue Kommunikationskanäle aufbauen, um mit unseren Mitarbeitenden, welche bei Coop in den Supermärkten im Einsatz oder in Kurzarbeit waren, zu kommunizieren und sie regelmässig zu informieren.

3. Haben sich durch die Ausnahmesituation neue Projekte oder Chancen ergeben?

Es haben sich vor und während des Lockdowns unzählige Chancen ergeben, die wir genutzt haben, respektive die wir noch nutzen werden. Wir waren in jeder Phase sehr aktiv

4. Welche Trends beobachten Sie aktuell auf dem Möbel- und Einrichtungsmarkt? 

Wir spüren einen Nachholbedarf aus der Phase des Lockdowns sowie eine erhöhte Nachfrage nach Einrichtungsartikeln generell. Das eigene Zuhause hat an Stellenwert gewonnen und die Konsumenten haben das Bedürfnis, sich neu einzurichten oder ihr Zuhause zu verschönern.

Die Corona-Krise wirkt als Trendbeschleuniger, im Online-Handel beobachten wir einen Entwicklungssprung und auch bereits gut laufende Konzepte vor der Krise entwickeln sich sprunghaft positiv.

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